Ich habe ein sehr spannendes zweiteiliges Blockseminar zu Tempeln und Altären besucht. An zwei Wochenenden haben wir jeweils Freitag nachmittags und Sa vormittags Theorie-Unterricht gehabt, bevor wir dann am Sa Mittag und Nachmittag uns 2, 3 Tempeln in echt angeschaut haben. Das war sehr spannend und interessant, es liegt eigentlich ziemlich genau in meinem Interessensgebiet: chinesische Religionen und besonders das gelebte religiöse Leben, bei dem Tempel eindeutig den Mittelpunkt darstellen. Letztes Wochenende war der Block “Tempel”, wir haben einiges über den Aufbau, die Götterstatuen und auch über die Ökonomie eines Tempels gelernt. Als Literatur sind für uns besonders ein Buch von Susanne Naquin interessant: “Peking: Temples and City Life, 1400-1900″. Es geht um Tempel und ihre wichtige gesellschaftliche Stellung als einer der wenigen und den einzigen Plätzen, in denen man sich während der Kaiserzeit öffentlich versammeln konnte. Leider sind die meisten dieser Tempel inzwischen zerstört. Es gab viele kleine, die nicht größer als eine Nische oder ein kleines Wohnhaus waren und riesige Klosterkomplexe, die eben wie eine Firma zu managen waren. Wir haben zwei buddhistische Tempel, die etwas außerhalb bei den Westbergen liegen, den Wofosi und den Biyunsi, besichtigt.

Vor einem Monat hatten wir den Teil über “Altäre” , das sind die “Tempel” des Staatskultes der Kaiserzeit, in denen der Kaiser oder hohe Beamte an bestimmten Feiertagen Gottheiten wie dem Himmel und der Erde geopftert haben. Der Himmel gilt/galt als die höchste Gottheit in China und nur der Kaiser, als Vermittler zwischen Himmel und Erde, durfte ihm opfern, bzw. mit ihm kommunizieren. Der Himmelstempel, der eigentlich (auf chin.) Himmelsaltar heißt, ist nun auch eine der oder sogar die beeindruckenste Anlage in Peking. Zweimal im Jahr hat der Kaiser hier eine riesige Zeremonie abgehalten, 3 Tage lang gefastet, Gebete gesprochen und vor dem Himmel einen Kotau gemacht.

Nun hat die Stadtregierung von Peking zum Jahr 2000 auch eine große Anlage gebaut, das sie (auf chin.) Chinesischer Milleniums Altar genannt hat, sich also bewusst in die Reihe der Altäre gestellt hat, die eigentlich seit dem Ende der Kaiserzeit ihrer Funktion enthoben wurden. Dazu habe ich einen kleinen Artikel geschrieben, den ich euch nicht vorenthalten möchte:

Das China Millenium Monument ist heute nicht nur ein Monument, das den nationalen Geist fördern soll, sondern auch ein Museum und ein Ort, an dem kulturelle, artistische und wissenschaftliche Ausstellungen stattfinden. Der Nutzen liegt beim chinesischen Volk im Allgemeinen, dessen Zusammenhalt hierdurch noch weiter gestärkt wird, und bei chinesischen und ausländischen Kunst- und Kulturinteressierten. Das China Millenium Monument hat also zwei Hauptfunktionen: zum einen soll es eine Inspiration für den Patriotismus des chinesischen Volkes sein und zum anderen soll es als ein kulturelles Zentrum dienen und so den Menschen des ganzen Globus die Weltoffenheit und „Modernität“, im Sinne von „wir haben auch genügend Geld und legen Wert auf Kunst und Kultur“, der Chinesen demonstrieren. Es gibt Ausstellungen aus vielen verschiedenen Ländern, im Museum werden die früheren Hochkulturen der Welt, wie z.B. die der Ägypter, Mesopotamier, Römer und Griechen, vorgestellt und es gibt oft wechselnde Ausstellungen. Im Jahre 2002 wurde dort z. B. das 30-jährige Jubiläum der deutsch-chinesischen diplomatischen Beziehungen zwei Wochen lang mit „Deutschland-Wochen“ gefeiert.
Allein von der Lage, der Größe und den Proportionen der Ausstellung aus betrachtet, fällt einem jedoch der Unterschied auf, der zwischen den anderen Hochkulturen und der chinesischen gemacht wird: Die Ausstellung der ersteren befindet sich in einem normal großen Museumsraum, es gibt Vitrinen mit römischen Statuen etc., es gibt Landkarten und Erklärungen; wie ein „normales“ Museum also. Der Ausstellungsraum, in dem die chinesische Hochkultur vorgestellt wird, dagegen, ist um ein Vielfaches größer und imposanter. Außerdem befindet er sich in der Mitte, die anderen Räume sind darum gebaut. Das symbolisiert die sino-zentrische Sichtweise von Zhongguo, dem Reich der Mitte.

Es wird weniger Wert auf historischer Fakten und Relikte gelegt, sondern auf eine perfekte Darstellung der „5000 Jahre großartiger chinesischer Zivilisation“. Es ist in unserem Sinne also eher kein historisches „Museum“, sondern ein Kunstwerk. Aber es soll nichtsdestotrotz die historischen und kulturellen Entwicklungen der chinesischen Nation repräsentieren. Wie auch beim Bronze-Korridor suggeriert es, dass diese „5000 Jahre“ Geschichte ein historisches Faktum sind. Dies wird auch durch die 5000 Sterne an der Decke des riesigen Austellungsraums untermauert. Interessant ist, dass am Ende des Rundganges durch die „5000 Jahre Geschichte“ große Militärgeräte und Raketen dargestellt sind, die die Macht und Stärke Chinas demonstrieren sollen. Am deutlichsten wird das auf dem Gipfel des Altars, bei dem eine Raketensonde gen Himmel zeigt. Wir empfanden diese Spitze, die ja „nur“ die Raumfahrt, also eine friedliche Erkundung des Weltraums, symbolisieren soll, als eine bedrohlich wirkende Darstellung militärischer Macht. Der Unterschied zwischen einer Raketensonde und einer Mittel- oder Langstreckenrakete, wie sie zu Hunderten gegen Taiwan gerichtet sind, ist als Laie nicht unbedingt zu erkennen. Man kann das gesamte Monument also als ein deutliches Signal an die Welt verstehen: „Wir Chinesen, mit unserer großartigen 5000 Jahre langen Geschichte und unserer langen Tradition einer vereinten Nation, die jetzt langsam, aber sicher wieder zu Stärke und Macht kommt, und die es schon geschafft hat, Hongkong und Macao, zwei Überbleibsel der Demütigung durch die Imperialmächte, heim ins Reich zu holen (am Ende des Rundgangs im Ausstellungsraum wird dies durch zwei sehr große Tafeln gefeiert), werden es nicht dulden und hinnehmen, dass wir das letzte Überbleibsel, das zur vollständigen Rehabilitierung der nationalen Volksseele fehlt, nämlich Taiwan, nicht zurückbekommen und werden im Notfall auch militärische Mittel wie Mittel- oder Langstreckenraketen dazu einsetzen.”

Dass Taiwan unabdingbar verbunden ist mit dem Stolz auf die „5000 Jahre lange Geschichte“ und dem Traum einer geeinten und in Harmonie lebenden Nation, kann man auch daran sehen, dass Taiwan’s Ureinwohner selbstverständlich als einer der Nationalen Minderheiten im Kun-Bereich des Milleniumsaltars aufgeführt werden: als die Gaoshan. In diesem Bereich werden auch die 40 „wichtigsten“ Persönlichkeiten der chinesischen Geschichte dargestellt, wobei interessant ist, dass Konfuzius nicht als bedeutender Philosoph, sondern nur als Autor des Lunyu dargestellt wird und Zhu Xi als wichtigster Neo-Konfuzianer gar nicht vorkommt. Auch bedeutende Daoisten (mit Ausnahme von Laozi) oder Buddhisten sind, soweit ich das übersehen konnte, nicht vorhanden. Stattdessen wird in Anlehnung an die konfuzianisch geprägte Staatsreligion der Kaiserzeit mit ihren Himmels-und Erdaltären dieses Monument auf Chinesisch „Altar“ genannt. Auf der offiziellen Homepage wird auf diese lange Altarkultur Chinas verwiesen. Statt Himmel und Erde wird heutzutage dem schnöden Mammon geopfert und besonders bei diesem „Altar“ der „5000 Jahre“ alten Kulturnation und dem Militär Respekt gezollt, das in China nicht, wie in den meisten Ländern der Welt dem Staat, sondern der Partei untergeordnet ist, die sich ja als die einzige Kraft versteht, die die terretoriale Integrität Chinas aufrecht erhalten kann. Dies demonstriert sie durch diesen „Altar“ eindrucksvoll. Taiwan ist das letzte Stück, das fehlt, damit diese Integrität wieder vollständig hergestellt ist. Doch die Chinesen gehen wohl davon aus, dass es nur noch eine Frage der Zeit ist, bis dies vollendet ist, denn sie haben am Ende des Rundgangs neben den Tafeln für Hongkong und Macao noch ein wenig Platz freigelassen: für eine Tafel für Taiwan:
(links oben sind die 2 Tafeln von HK+Macao, rechts daneben ist noch Platz…)

Quellen:
http://www.bj2000.org.cn/english/sight.htm, Stand 12-2004
http://en.beijing2008.com/65/70/article211987065.shtml, Stand 10-06-2007
http://www.worldartmuseum.cn/sjtgk/jgjs/index.shtml, Stand 10-06-2007